Gutmensch 2.0

Der CircleMae Holland tritt neu in das moderne und beliebte Internet Unternehmen Circle ein. Ihre Freundin Annie hat sie von den muffigen Stadtwerken weggeholt zu dem Unternehmen, das schon über 80% der Internetaktivitäten über ihre Server laufen lässt. Das Konzept TruYou ist klar und einfach: Alle sozialen und auch wirtschaftlichen Aktivitäten sollen über einen Account laufen, umso eine höchstmögliche Transparenz zu schaffen. Sie fängt im Customer Center an, das Werbekundenanfragen beantwortet, und sie findet sich schnell in ihre Arbeit ein. Standardantworten werden personalisiert denn:

„Die Kunden sollen auf keinen Fall denken, dass sie es mit einem gesichtslosen Moloch zu tun haben, daher solltest Du in den Prozess unbedingt Menschlichkeit einfließen lassen.“

Alle Rückantworten unter der Bewertung von 100 müssen mit einem FollowUp verbessert werden. Sie hat 2 Bildschirme dort stehen, eine für die Kundenfragen, den anderen für den Chat mit ihrem Chef. Die Arbeit gefällt ihr, sie bekommt gute Bewertungen und sie fühlt sich sehr wohl. Eines Tages wird sie zu ihrem Chef geholt, um mit ihm etwas zu bereden. Sie hat an einer freiwilligen Einladung nicht teilgenommen, sie nicht mal im sozialen Netzwerk beachtet. Eine „Portugal-Einladung“, die sie bekam, weil sie Bilder von Lissabon auf ihrer Seite gepostet hat. Der Einlader ist erschüttert, dass sie nicht kam, nicht reagierte, hat er etwas falsch gemacht?  Ab dem Zeitpunkt merkt Mae, dass „Freiwilligkeit“ und „Gutmenschlichkeit“ nicht abzulehnen sind, dies wird als Affront gegen die neue Welt und gegen Offenheit und Transparenz aufgenommen – und man will doch partizipieren?

„Leidenschaft, Partizipation, Transparenz“

Der Circle beschäftigt sich mit vielen interessanten Dingen, die einzig und alleine dem Wohle der Menschheit dienen. Warum nicht bei Säuglingen Chips in die Knochen implantieren, um zu wissen, wo die Kinder sind und somit die Entführungsrate um 95% zu senken? Warum nicht Politikern tragbare Kameras um den Hals zu hängen, damit jeder, jederzeit sieht und hört, was diese tun? Es sind schließlich gerade die gewählten Volksvertreter, die nichts zu verbergen haben sollten. Alle doch gutgemeinten Aktionen werden mit dem positiven Effekt erklärt und fordern diese unbarmherzige Offenheit, die Darlegung aller Daten, das Aufdecken aller Geheimnisse!

„GEHEIMNISSE SIND LÜGEN. TEILEN IST HEILEN ALLES PRIVATE IST DIEBSTAHL.“

Maes Bildschirme verdreifachen sich, sie bekommt Bildschirme für die sozialen Netze, Brillen für andauernde Fragen über Konsumverhalten, Maes Arbeitspensum erhöht sich. Der Höhepunkt ist ihr Auftritt, bei dem sie sich selber eine Kamera umhängt und somit transparent wird.

Dieser ständige Verlust an Privatheit und Kontrolle zum Wohle der Allgemeinheit ist gleichzeitig zwingend und erschreckend dargestellt. Mae verliert sich in ihren Aktionen, in ihren endlosen Zings, rezings Twitter, Kommentaren, dass bei Nichtbenutzung und Ruhe sich bei ihr ein Riss auftut, eine Leere, die sie zu verschlingen droht. Dies bemerken auch ihre Eltern, ihr Ex-Freund, der unerklärlicher Weise an all den schönen Dingen nicht teilnehmen möchte.

„Aber die Tools die ihr schafft, erzeugen unnatürlich extreme soziale Bedürfnisse. Kein Mensch braucht diese Menge an Kontakt, die ihr ermöglicht. Das verbessert nichts. Es ist nicht gesund. Es ist wie Junkfood.[…] Die ermitteln wissenschaftlich präzise, wie viel Salz und Fett reingehört, damit Du schön weiterisst. Du hast keinen Hunger, du brauchst kein Junkfood, es gibt dir nichts, aber du isst weiter diese leeren Kalorien. Und genau das fördert ihr. Genau das Gleiche. Endlose leere Kalorien, aber eben die digital-soziale Entsprechung. […] Du kennst das doch, wenn Du eine ganze Tüte Chips isst und dich hinterher schlecht fühlst? Du weißt, du hast dir nichts Gutes getan. Und das gleiche Gefühl hast Du, nachdem Du Dich digital überfressen hast. Du fühlst dich kaputt und hohl und geschwächt.“

Maes Weg scheint unaufhaltsam, in die neue Welt, die umfassende Kontrolle, 100% Akzeptanz, wo jeder alles von jedem weiß und jeder mit anderen teilt. Fast ist dies mit Glauben und einer Religion gleichzusetzen.

„Jetzt sind wir alle Gott. Bald wird jeder Einzelne von uns in der Lage sein, jeden anderen zu sehen und ein Urteil über ihn zu fällen. Wir werden alles sehen, was ER sieht. Wir werden sein Urteil aussprechen. Auf einer dauerhaften und globalen Ebene. Alle Religion wartet auf diesen Moment, wenn jeder Mensch ein direkter und unmittelbarer Bote des göttlichen Willens ist.“

Doch der Circle will mehr, er will Deine Vergangenheit, Deine Gedanken, Dein Wissen – alles, nur zu DEINEM Wohl, zu UNSEREM Wohl!

Ist dies ein neues 1984? Nein, so visionär ist Dave Eggers nicht. Seine Zukunftsvision ist spannend und eindringlich geschrieben, aber der Zeit nicht 40 Jahre voraus. Erschreckend ist, dass dies sehr wohl in Zeiten der Zusammenführung von Konzernen eine reale, sehr nahe Zukunft sein kann. Die Schwächen in der Charakterisierung sind vielleicht auch dem Schwarmdenken geschuldet, in dieser Vision gibt es kein Individuum mehr.

Doch was ist daran schlecht?

„Warum sollte nicht jeder gleichermaßen Zugang zu den schönen Dingen haben, die es auf der Welt zu sehen gibt? Zum Wissen der Welt? Zu all den Erlebnissen, die die Welt zu bieten hat?“

Das muss sich dann jeder selber fragen, sind wir schon für diese Technik bereit? Ist die Geschwindigkeit, mit der wir mit immer neuen Dingen konfrontiert werden, nicht insgesamt schädlich? Eins ist sicher: die geistige Entwicklung der Menschen hält nicht ganz mit der technischen mit, eine Drosselung ist unvermeidbar, um die positiven Seiten der neuen digitalen Welt sinnvoll zu nutzen.

Dieses Buch regt zur Diskussion an, hält uns den übertriebenen Spiegel vor, zeigt überspitzt, wohin die Reise gehen könnte – und gerade deswegen gibt es eine klare Leseempfehlung!

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 14.08.2014
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN:  9783462046755
  • Gebunden: 560 Seiten
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2 Gedanken zu “Gutmensch 2.0

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