Der menschliche Pastor

Bleib bei mirWie lange darf man trauern? Wie lange ist es in Ordnung, sich nach dem tragischen Tod der Frau zurückzuziehen, Schwäche zu zeigen? Und wie lange darf man trauern als junger Pastor gegen Ende der 50er Jahre in den USA, wenn man doch ein Mann Gottes ist, wenn man sozusagen den direkten Draht hat, zudem eine Aufgabe, eine Gemeinde, für die man da sein muss? Außerdem zwei kleine Töchter, die ihre Mutter verloren haben und die ihren Vater – natürlich – umso mehr brauchen. Was ist, wenn dieser Pastor einfach zu sehr mit dieser Bürde zu kämpfen hat, die so schwer auf ihm lastet, dass er nicht dagegen ankommt?

„Bleib bei mir“, der zweite Roman von Pulitzerpreisträgerin Elizabeth Strout und noch vor „Mit Blick aufs Meer“ und „Das Leben natürlich“ entstanden, ist die Geschichte dieses Mannes namens Tyler Caskey, der zum Pastor berufen ist und der seine Gemeinde, als er sich dort vorstellte, gleich für sich einnahm durch sein gewinnendes, selbstbewusstes, aber auch sensibles Auftreten. Seine Predigten gefielen ihnen, er war gleich allen sympathisch. Seine Frau, aus gutem Haus mit viel Geld, Kind von Leuten, die sich für ihre Tochter eine andere, bessere Partie vorgestellt hatten, war keine typische Pfarrersfrau, aber Tyler und Lauren verband zumindest zu Beginn ihrer Ehe eine innige Liebe. Dass sie nicht wirklich zueinander passten, zeichnete sich ab, dem möglichen großen Knall aber kamen Laurens schwere Krankheit und ihr Tod zuvor.

Strout erzählt in ihrem zweiten Roman von diesem Mann, aber auch vom gesamten Umfeld, den Menschen in einem kleinen Ort im Norden der USA. Die kleinere Tochter lebt unter der Woche bei Tylers Mutter, die größere spricht nicht mehr und ist offenbar durch den Tod der Mutter traumatisiert, womit Tyler überfordert ist. In der Vorschule eckt sie an. Die Gemeinde schaut genau auf ihren Pastor – und passt auf, ob sein Verhalten seinem Stand auch angemessen ist. Irgendwann scheint die Zeit gekommen, zu der Tyler sich in den Augen Vieler lange genug hat „gehen lassen“, Gerüchte über ihn machen die Runde, seine Mutter drängt ihn, sich bald eine neue Frau zu suchen.

Strout versteht es, diesen Mikrokosmos der kleinen Stadt aufzuzeigen, die verschiedenen Charaktere darzustellen, die Beziehungen der Menschen untereinander, das Reden übereinander. Einzufangen, wie sich die Stimmung im Ort langsam ändert und auf ein Ende zusteuert, von dem nicht klar ist, ob es ein Neuanfang oder ein Scheitern sein wird. Eine eindringliche, berührende, leise Geschichte, über authentische Menschen, in der man sich – wo auch immer – wieder finden kann, eine Geschichte, die irgendwo vielleicht auch von einem selbst erzählt. Ganz klare Leseempfehlung!

Buchdetails

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s