Die Tribute von „gods own country“

die_irre_heldentour_des_billy_lynn-9783423249942„Ein surrealer und völlig kranker Mischmasch aus Militarismus, Popkultur, amerikanischem Siegeswahn und Softporno.“

 So Autor Ben Fountain

über die ersten Impulse zu seinem 2012 erschienenen Debütroman,

„Die irre Heldentour des Billy Lynn“

verursacht anlässlich der Halbzeitshow der Dallas Cowboys.

Billy Lynn, 19 Jahre alt, seit vier Monaten im Einsatz, Irakkämpfer. Sein Bravo-Team schaltete in einem spektakulären Gefecht eine feindliche Elitetruppe aus. Zufällig wird das Geschehen aufgezeichnet. Ein FOX News Kamerateam ist vor Ort und hält drauf.

Hochdekoriert werden die Jungs auf eine Victory Tour in die Heimat geschickt.

Hollywood zeigt Interesse, die Mächtigen und Reichen und Möchtegernmächtigen schmücken sich mit der Truppe. Die PR-Tour verwandelt sich zunehmend in eine Freakshow.

Ben Fountain versteht es, in kurzen Gedankenskizzen Billys – dem Leser das Nach-Nine-Eleven-Amerika – in all seinen unangenehmen Facetten zu beschreiben.

Die Perspektivlosigkeit der Soldaten, die Oberflächlichkeit und Bigotterie der Amis, vermischt mit Prüderie, ungezügeltem Neoliberalismus, Patriotismus, nationalem Gefühlsüberschwang und prallem, aggressivem Sex ohne Tiefe. Den Untergang der Mittelschicht:

„Weißt du was komisch ist?“, sagte sie. „Hier sind alle solang rasend konservativ, bis sie mal krank werden, oder die Versicherung sie übern Tisch zieht, oder ihr Job nach China oder sonstwo ausgelagert wird, dann kommen sie plötzlich mit: Ooooch, was’n jetzt los? Ich dachte Amerika ist das großartigste Land überhaupt, ich bin doch so ein guter Mensch, warum passiert mir so’ne fürchterliche Scheiße?“

die einseitige Politik für die endlos gierigen Freie Marktwirtschaftjünger und Profiteure.

Wenn dann Norm, der Eigner der Dallas Cowboys seine Rede an die tapferen Helden richtet, den Krieg glorifiziert und mit diesen Worten rechtfertigt:

“All denjenigen, die behaupten, der Krieg sei ein Fehler, möchte ich eines entgegenhalten. : Wir haben einen der rücksichtslosesten und kriegslüsternsten Tyrannen entmachtet. Einen Mann, der kaltblütig Tausende seines eigenen Volkes ermordet hat. Der sich Paläste zum persönlichen Vergnügen hat bauen lassen, während gleichzeitig Schulen verfallen sind und das Gesundheitssystem in seinem Land zusammengebrochen ist. Er sich eine der teuersten Armeen der Welt gehalten hat und dafür die Infrastruktur komplett hat verrotten lassen. Der seinen Kumpanen und politischen Verbündeten Reichtümer zugeschanzt und ihnen erlaubt hat, für ihren eigenen Profit den Reichtum des Landes abzuschöpfen…….“

Da kann man sich kaum erwehren, statt an Saddam Hussein an George W. Bush und seine göttlich inspirierte Politik zu denken.

Protagonist Billy, mit seinen neunzehn Jahren, spürt diese feinen Widersprüchlichkeiten.Die Obszönität und Perversion des Krieges scheint ihm ehrlicher als jene der Show, die Team Bravo bestreiten muss.

Er  ist nur zu jung, zu unerfahren, um diese unterschwelligen Gefühle in Worte zu fassen, ihnen Begrifflichkeiten zuzuordnen. Sie einzuordnen.

Dies überlässt Ben Fountain dem Leser. Das ist die Stärke dieses Romans. Viel Platz, um ihn mit eigenen Emotionen und Zynismus zu füllen.

Mitleid, Trauer und Wut löst seine Geschichte aus. Ben Fountain legt Billys Seele frei. Er schreibt, wie Billy denkt. Einfach. Verwirrt, irritiert, unsicher, er ist nicht traumatisiert, aber nah dran. Genauso wie die anderen Bravos, seine Quasi – Familie.

Gerade das ist die Stärke der Erzählung. Als Leser ist man ist mittendrin im absurden Geschehen, betrachtet es aber gleichzeitig aus der eigenen distanzierten Perspektive. Amüsiert sich, fiebert dem Ende entgegen, möchte dieses neunzehnjährige Kind da herausholen, es mit Bildung, Lebenszeit und weiteren in diesem Alter dringend benötigten Accessoires versorgen.

Ein Meisterwerk! Grandiose Amerika-Einblicke. Faszinierendes Roman-Debüt in sehr eigenem, kompromisslosem Stil.

Packend zynische Satire, wobei Satire die Fakten überspitzt darstellt und hier der Realismus überwiegt. Ben Fountain versteht es excellent, die ganze Hand auf offene Wunden zu legen, sie tief hineinzustoßen, mehrmals herumzudrehen und einem das gefundene Gekröse schlicht aber eindrucksvoll zu servieren.

Bon Appetit

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : November 2013
  • Verlag : dtv premium
  • ISBN: 978-3-423-24994-2
  • Gebunden: 400 Seiten
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