Piano Man

Der GrundLaurits Simonsen, der sich inzwischen nur noch Lawrence Alexander nennt, ist als Barpianist auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs. Er ist Mitte 40, allein und läuft ganz offensichtlich vor etwas davon. Er flüchtet sich in diese Arbeit, versucht, nur an das Heute zu denken. Nach und nach wird klar, wovor Laurits davonzulaufen versucht.

„Der Grund“ von Anne von Canal setzt mit den Tagebuchaufzeichnungen dieses Mannes ein, der Bindungen scheut und sich von der Welt abkapselt. Wir schreiben das Jahr 2005. Auf dem Schiff schließt Laurits zaghaft Freundschaft zu einem Jungen, der dort allein herumstreunt, er begegnet einer Frau, die er „die Tulpe“ nennt, und der er seine Hilfe, als diese sie benötigt, nicht geben kann. In Rückblenden erfährt der Leser dann Laurits’ Geschichte: Als Kind war er ein talentierter und fleißiger Klavierschüler, der das Zeug dazu hatte, als Pianist Karriere zu machen. Sein strenger Vater aber wollte, dass Laurits Medizin studiert. Seine Mutter, viel jünger als ihr Mann und nicht in der Lage, sich gegen ihn durchzusetzen, beginnt irgendwann, zu viel zu trinken und es wird immer deutlicher, dass die Ehe der Eltern einem „kalten Krieg“ gleicht, wie es im Roman zu lesen ist. Laurits wird schließlich Arzt, heiratet und wird Vater, führt ein glückliches Leben, bevor auf einem Familienfest alles plötzlich in einem anderen Licht erscheint und Laurits’ Leben sowie das seiner Familie eine neue Wendung nimmt. Wir erfahren schließlich, wieso Laurits keine andere Möglichkeit mehr sah, als sich von aller Welt zurückzuziehen. Nichts mehr fühlen. Vergessen.

Überzeugend, wie die Autorin die verschiedenen Etappen aus Laurits’ Leben einander gegenüberstellt, mit einander verflicht. Sie wechselt sowohl Perspektive als auch Zeit mühelos und so geschickt, dass sich ein rundes Bild ihres Protagonisten ergibt, wie auch sämtlicher Nebenpersonen, die ebenso glaubwürdig gezeichnet sind wie Laurits, wofür Anne von Canal oft nur wenige Sätze benötigt.

Ihre Sprache ist zumeist direkt und schnörkellos. Starke Gefühlsregungen und wichtige Momente drückt die Autorin immer wieder in Bildern und Metaphern aus, zum Beispiel passend aus der Musik, deren Kraft die Autorin im Buch beschwört.

„Laurits hielt sich die Ohren zu. Eine Kakophonie aus Läufen, Akkorden und Trillern, aus Moll und Dur, aus Harmonie und Dissonanz hallte lautstark in seinem Kopf wider.“

„Der Grund“ ist die Charakterstudie eines Mannes, den das Leben vor Schwierigkeiten und Tragödien gestellt hat. Der sich wiederholt fragt, wie oft ein Mensch von vorn anfangen kann. Der erkennt, dass sein Leben auf einer Lüge aufgebaut ist und der schmerzhaft erfahren muss, dass nichts sicher ist. Anne von Canal zeichnet ihren Protagonisten mit allen Facetten, so dass sich ein für den Leser rundum schlüssiges Bild ergibt. Laurits mag nicht immer nett und freundlich sein, aber er ist echt.

Anne von Canals Roman beschäftigt sich auf eindringliche Weise mit dem Leben eines Mannes, der mehrfach strauchelt und die Hoffnung schon aufgegeben hat. Ein starker Roman mit einem authentischen Protagonisten, eine Geschichte über Selbstbestimmung und Schuld, eindrücklich und sehr stark erzählt.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 8. Juli 2014
  • Verlag : mare Verlag
  • ISBN: 978-3-86648-196-1
  • Gebundene Ausgabe: 272 Seiten

 

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5 Gedanken zu “Piano Man

  1. Pingback: Das Leben – eine unvollendete Symphonie. | brasch & buch

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