Skippy stirbt

SkippyEine Gemeinschaftsrezi von Thursdaynext und Rallus

Daniel „Skippy“ Juster stirbt. Und das auf der ersten Seite. Bei einem Doughnut Wettessen? Und er schreibt den Namen eines Mädchens mit Doughnut-Schokolade auf den Boden??
Was ist da passiert? Was bringt einen 14-jährigen Irischen Internatsschüler dazu in eine solche Situation zu kommen?
Ab dort rollt Paul Murray den Fall vor unseren Augen auf und am Ende erschrecken wir vor den brutalen Wahrheiten die sich im Herzen unserer Gesellschaft verbergen.

Baut sich die Story anfänglich gemählich auf, steht der Leser plötzlich mittendrin, die wunderbare Anfangsleichtigkeit der Schulgeschichten verschwindet unvermittelt, das Grauen lauert im Alltäglichen.
Es ist das Leben, die Heuchelei der Erwachsenen , die Gesellschaft in deren System die kids auf der Schwelle zwischen Kind und Mann/Frau gepresst werden sollen.
Murray seziert diese Heuchelei, selbst die gerade dem Kindsein entwachsenen haben keine Antennen mehr für die Probleme und Sehnsüchte der Aufwachsenden, sind in ihrem Leben starr und unerträglich geformt.
Murray fängt die sprachliche Lockerheit der Jugendlichen exakt ein, ihre Unsicherheiten, ihre Schwachstellen, das Unvermögen der Kommunikation zu den Erwachsenen, das Zerbröckeln an dieser Gesellschaft.

Es ist eine Scheißwelt, kein Zweifel, und die Kids sind von Anfang an im Fadenkreuz, kriegen zu hören :
„kauf dies, kauf jenes nimm ab, zieh dich an wie ein Flittchen, tu was für deine Muskeln – und zwar von erwachsenen Männern und Frauen, das ist ein unglaublicher Zynismus……“
“ …wir sind es, die ihnen die es ihnen schmackhaft machen, ihren Thron auf dem Scheißhaufen einzunehmen, als wäre das was wundertolles, wo es doch nur um Geld geht….“
Jegliche Individualität wird ausgemerzt, es geht nur noch darum zu überleben.
Selbst die so bitter benötigte Liebe ist nicht da: „Wenn man die Leute so reden hört, könnte man meinen, sie täten nichts anderes als einander zu lieben….“, aber letztendlich ist dies auch nur eine der großen Enttäuschungen; eine große Illusion.
Gerade hier ist diese Diskrepanz, zwischen dem was den kleinen Menschen erzählt wird und dem was tatsächlich ist am Größten, plötzlich bekommen sie mit, wie verlogen die Welt ist.
„Die Erinnerung ist das Einzige was man als Ersatz für die Liebe noch gelten lassen kann“, doch auch hier strauchelt die Realität, im Vergessen wollen, im Verdrängen des Unangenehmen.
Erwachsene sind keine Vorbilder, sie kämpfen mit sich selber und ihr Scheitern bietet den Kindern kein Festhalten.
So werden gerade die Sensibelsten gezwungen ihren Weg zu finden, mithilfe von Drogen, Alkohol, Hirngespinsten und die gepeinigten, kreativen unter ihnen zerbrechen daran.
Die Figuren sind scharf gezeichnet, ihre Träume Wünsche und ihr Scheitern, ihr Versuch einen Platz zu finden.
Wie der Autor das thematisiert ist grandios, in seinen Tiefen und Ängsten schmerzhaft unter die Haut gehend, pendelt er mühelos zwischen Albernheit, Überschwang und tiefstem Ernst, seine Geschichten werden sarkastisch ins Absurde gelegt, das Lachen bleibt einem dadurch im Halse stecken.
Murray verbindet am Schluss, doch versöhnlich, die Fäden nicht aller seiner Geschichten (doch so ist das Leben!) und hat uns sogar auch eine Nachricht zu geben.

Dieses Buch ging unter die Haut, setzte sich fest, zwickt und zwackt im Hinterkopf wohl auf lange Sicht.
Ein Buch zum Wiederlesen.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : Januar 2011
  • Verlag : Antje Kunstmann Verlag
  • ISBN: 978-3-88897-700-8
  • Gebunden im Schuber: 782 Seiten
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2 Gedanken zu “Skippy stirbt

  1. Pingback: Vibrierende Geschichten | Feiner reiner Buchstoff

  2. Pingback: Sonntagsleserin KW #27/28 – 2014 | buchpost

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