Wer hören will muss lesen

SchlagzeugEric Pfeil ist Musikkritiker und gehört laut seiner eigenen Selbstkritik wohl einer der unteren Schichten der Gesellschaft an. Zu vergleichen mit Maklern oder Notaren. Wozu wird denn ein Musikkritiker noch gebraucht? Hier lesen wir warum sie in der heutigen Zeit noch dringender als sonst benötigt werden. Musik ist Geschmackssache und darüber lässt sich bekanntlich schwer streiten. Das weiß auch Eric Pfeil:

„Je nachdem mit wem man sich unterhält, ist die heute produzierte Popmusik wahlweise so gut oder so schlecht wie noch nie. Ich glaube das stimmt.“

Deswegen sind aber trotzdem die an verschiedenen Tagen (von 12.11.2007 bis 4.9.2009) aufgeschriebenen Notizen, Kommentare, Gedanken und Erlebnisse zu Musik, Gott und die Befindlichkeit der westlichen Welt eine höchste lesenswerte Reise durch die Dekaden der Popmusik. Eric Pfeil möchte auch niemanden missionieren er schreibt einfach über Musik und in jedem Wort seiner Liebe aber auch Kritik steckt eine wortgewaltige und humorvolle, teils lakonische Sichtweise.

„‚Ich finde die …. sind eine gute erste Band, mit der ein sehr junger Mensch auf den Weg gebracht werden kann‘, sagt der onkelnde Bekannte onkelnd. ‚Genau das ist wohl das Schlimme an den ….‘, murmele ich weltmürbe. ‚Was genau?‘  ‚Dass ist Musik für Menschen, die gerne noch minderjährig und nicht haftbar wären. Das ist Sesamstrassen-Rock.‘ ‚Okay wie wärs dann mit ;;;;'“

Für die hier nicht genannten …. und ;;;; mag jeder dann seine entsprechenden Bands einsetzen.

Natürlich gibt es auch Listen wie in High Fidelity. Listen mit Musikern mit denen Eric Pfeil nicht in einem Aufzug eingeschlossen sein möchte oder Gruppen die sich besser auflösen sollten. Eric besucht auch gerne Konzerte und wundert sich bei einem Verriss eines Take That Konzertes (herrlich subtil und böse) dass seine Anwesenheit bei anderen Größen der Musik von Konzertagenturen nicht unbedingt erwünscht ist.  Für den heutigen Mainstream-Pop hat er auch direkte Worte:

„Dieser salbungsvolle, prätentiöse Gefühlsrockpop aus England ist von allen Erfolg versprechenden Kühen, die auf den engen Weiden des Pop vor sich hin grasen, diejenige, die derzeit am schamlosesten gemolken wird. Ruhigstellungsmusik – produziert von jungen Männern, die großäugig von „Love, Love, Love“ singen, sich dabei vor lauter Pomp verschlucken und in Posen vergehen, die sich nur von Simple Minds Live DVDs abgeguckt, der an der Stadionrockresterampe aufgesammelt haben können. Ohrenwischerei auf flachstem Niveau. Abendteuerländlich beinah.“

Auch hier bitte entsprechende Gruppen einsetzen.

Eric Pfeil ist im Grunde ein Kulturpessimist:

„Stietenroth hat am Kiosk eine neue Frauenzeitschrift entdeckt. Sie heißt ‚Meine Schuld‘ Ich glaube, alle anderen Indizien dafür, dass die Welt vollkommen aus den Fugen ist und mit Pappnase gen Abgrund tanzt, sind nur noch Zuckerguss auf der Torte der Doofheit.“

Auch die Popmusik ist immer ein ewiger Grund zu granteln und das kann er in den schönsten Worten! Konzerte von Haarspray-Edelmetall-Mucker (auch hier mag der geneigte Popliebhaber eine Gruppe seiner Wahl einsetzen) werden gnadenlos seziert sowie die so mancher „Neuen Helden“ (siehe oben). Popmusik ist seine Geliebte die in so manches Mal im Stich lässt – aber es gibt sie trotzdem, die Momente für die es sich lohnt Musik zu hören. Bei Eric Pfeil sind das die stillen Momente, Konzerte, an denen man die Stecknadel zu Boden fallen hört, wenn die Welt 90 Minuten nur aus Musik besteht und der Lärm dieser Welt verebbt.

In bin nicht in allen Aussagen mit ihm einer Meinung, aber das ist ja nicht so wichtig, solange er das in solche Worte kleiden kann. Und viele Anstöße hat er mir auf jeden Fall verschafft! Leicht melancholisch, ein wenig weltmüde, aber absolut witzig sind seine Tagebücher zum Pop und so ziemlich das Beste über Musik was mir beim Lesen vor die Augen geblättert wurde.

Nachtrag: Und wer sein Buch mit „Do you realize?“ von den Flaming Lips anfängt, kann keinen schlechten Musikgeschmack haben.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 18.02.2010
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04218-4
  • Flexibler Einband: 368 Seiten
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