Who say’s you can’t go home

shotgunSoundtracks gibt es viele, auch für mich – den Soundtrack meiner Jugend, der mir zum Teil heute etwas peinlich ist, mich zum anderen Teil aber um ca. 20 Jahre jünger macht. Dann gibt es den Soundtrack für glückliche beschwingte Zeiten, der mich das Glück, das ich innerlich empfinde doppelt so stark fühlen lässt. Der Soundtrack der zu den schwierigen Situationen in meinen Leben passt, besteht aus Songs, die ich höre, weil sie entweder genau das ausdrücken, was ich fühle oder mich von diesem Gefühl wegbringen, mich Lösungen für die schwierigen Situationen finden lassen. Und dabei kommt es neben der Musik selbst, ganz stark auf die Texte an. Texte, die Assoziationen erwecken zu Situationen in meinem Leben. Ich muss mich wiederfinden können in einem Lied. Genauso wie in einem Buch.

Ich glaube, jeder kennt das – und wenn man das Glück hat, sich seine Gefühle auch noch durch das Schreiben von Texten oder Komponieren von Liedern entweder von der Seele schreiben oder bewusster machen zu können, dann ist man meiner Meinung nach in einer besonders glücklichen Lage.

Es gibt wenige Bücher, bei denen ich eine komplette Playlist, einen Soundtrack mitgeliefert bekomme. Shotgun Lovesongs ist nicht nur aus diesem Grund ein rares Stück. Die Songs, die man sich über einen Link auf der Buchseite des Verlages anhören kann, passen wunderbar zu dem Eindruck, den die Lektüre hinterlässt: Weite, Atmosphäre, teilweise hartes Leben.

Was die Personen des Buches angeht, habe ich einen ganz eigenen Soundtrack, der aus nur einem einzigen Lied besteht: „Who says you can’t go home“ von Bon Jovi. Zu jedem der einzelnen Protagonisten scheint es für mich eine eigene Strophe in diesem Lied zu geben. Der Titel selbst ist ein Teil der Quintessenz der Geschichte um fünf Menschen, die zusammen in Little Wing, Wisconsin aufwuchsen und seither befreundet sind.

Im Zentrum der fünf steht einer, Leland, der Musiker. Vor Jahren nahm er ganz alleine in einer Hütte in Wisconsin sein Erfolgsalbum Shotgun Lovesongs auf. Wer sich in der Welt der amerikanischen Folkszene auskennt, erkennt hier die Parallele zum Bon Iver Sänger Justin Vernon.

Fünf Menschen, die über lange Zeit, durch alle Phasen ihres Lebens miteinander verbunden und befreundet sind. Man trifft sich auf Hochzeiten und nimmt teil am Leben der anderen. Hat keine Geheimnisse voreinander oder glaubt zumindest, dass es so ist. Eine untrennbare Verbindung fürs Leben, die nichts erschüttern kann? Weit gefehlt …

Nickolas Butler erzählt in Shotgun Lovesongs sehr einfühlsam und warmherzig von allem, was das Leben wirklich ausmacht. Leidenschaft und Liebe, Freundschaft und Verantwortungsgefühl, Wahrheit und Hass – und manchmal auch Zwang. Denn manche Dinge passieren nur dann, wenn man – so würden die Amerikaner sagen – das Gewehr im Rücken spürt. Bei uns heißt das wohl eher: mit dem Rücken zur Wand steht, nicht mehr anders kann oder zu können glaubt.

Souverän spielt er mit den Perspektiven der einzelnen Protagonisten und zeichnet so ein lebendiges Bild des Lebens in einem der härtesten Landstriche Amerikas. Nicht immer handeln seine Protagonisten logisch, doch das macht sie nur umso authentischer, umso identifikationsreicher.
Kapitel für Kapitel lassen uns die einzelnen Hauptprotagonisten am Leben in Little Wing und anderswo teilhaben. So wurden sie für mich fast zu Freunden, die ich nicht verlassen wollte. Vielleicht kam mir der Schluss auch deshalb etwas überhastet und konstruiert vor. Dem gesamten Lesevergnügen tat das allerdings keinen Abbruch.

Denn ich weiß, ich kann ja jederzeit wieder zurückreisen, nach Little Wing, Wisconsin und sei es nur in Gedanken.

„ … It doesn’t matter where you are, doesn’t matter where you go
If it’s a million miles away or just a mile up the road
Take it in, take it with you when you go … “

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 3. Aufl. 2013
  • Verlag: Klett – Cotta
  • ISBN: 978-3-608-98008-0
  • Gebunden: 424 Seiten

 

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10 Gedanken zu “Who say’s you can’t go home

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  5. Mir ging es ganz ähnlich wie dir und ich konnte die fünf Freunde (besonders Ronny, er war mein persönlicher Favorit) für lange Zeit kaum loslassen. Sehe ich den Roman in der Buchhandlung, erinnere ich mich an das wundervolle Lesegefühl. So auch jetzt beim Lesen deiner schönen Rezension. Danke!

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    • Schön, dass dieser Effekt entsteht;) so soll es doch sein, dass ein Buch und die Personen darin uns begleiten. Ronny – ja, zu ihm hatte ich auch ein „besonderes“ Verhältnis, weil ich auch mal jemanden kannte, der ihm sehr ähnlich war. Auch in seiner Lebensgeschichte … Butler hat ein gutes Gespür bewiesen, was uns Menschen im Laufe eines Lebens berührt.

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  6. Eine so bezaubernde Rezension die du da geschrieben hast. Ich weiß ganz genau, was du meinst, wenn du von den Liedern bzw. dem Soundtrack des Lebens sprichst. Wenn es eine Geschichte schafft, dass du die Protagonisten als Freunde ansiehst und dich nicht mehr von ihnen trennen möchtest, ist sie dem Autor sicherlich mehr als gelungen. Nach so vielen positiven Meinungen über dieses Buch bin ich mir ganz sicher, dass mein Weg nun nicht mehr an ihm vorbeiführt. Ich muss es einfach lesen. Dank dir =)

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    • Danke – bezaubernd, das ist ein wunderbares Lob. Das Buch ist toll, ein ganz besonderes … es ist immer schwierig, wenn man Bücher so sehr mag, diese weiterzuempfehlen, weil doch Jeder und Jede eine eigene Lesart hat, was auch gut so ist. Denn das macht ja den Reiz der Lektüre aus, zumindest für mich. Ich wünsche ganz viel Spaß mit dem Buch und vielleicht findest Du Deinen eigenen Soundtrack dazu 😉

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    • ja, mir bedeutet Musik wirklich viel – und je nach Stimmung und Laune gibt es Vorlieben. Aber es gibt große Konstanten durch mein ganzes Leben bisher … die tauchen immer wieder auf 😉 Schön, wenn Dir die Rezension gefallen hat, das freut mich wirklich sehr.

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