Vielleicht war es SEIN Leben, das ich unbedingt einmal ausprobieren wollte.

AcimanCambridge, Harvard, in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Zwei junge Männer, Einzelgänger, die als Fremde ins Land kamen, werden Freunde und verbringen einen Sommer miteinander. Der Erzähler ist Doktorand, hat seine Freunde von der Universität verabschiedet, sie werden die Ferien im Ausland verbringen. Er aber muss sich auf wichtige Prüfungen vorbereiten und hat sich ein enormes Pensum an Lektüre auferlegt, das er in dem Sommer, in dem die Geschichte spielt, durcharbeiten muss. Von der gemeinsamen Zeit der beiden erzählt André Aciman in seinem neuen Roman „Mein Sommer mit Kalaschnikow“.

Kalasch, der tunesische Taxifahrer, wird „Kalaschnikow“ genannt, weil er laut und schnell spricht. Sein Auftreten ist stark, sein Meinungen auch. Er ist ein Heimatloser ebenso wie der für den Leser namenlose Ich-Erzähler, der aus Ägypten stammende Jude. Dieser hat allerdings eine Green Card und die Gewissheit, dass er in den USA bleiben kann, während Kalasch befürchten muss, bald abgeschoben zu werden. Die beiden verbringen eine intensive Zeit miteinander, reden, trinken, machen Frauenbekanntschaften. Dabei unterscheiden sie sich charakterlich sehr.

„Ich verhielt mich ausweichend, er war offen und direkt. Ich erhob selten meine Stimme, er war die lauteste Person am Harvard Square. Ich war verkrampft, verhalten, schüchtern, er unbesonnen und brutal, ein Pulverfass. Er tat freimütig seine Meinungen kund, ich verschloss alles in meinem Inneren.“

Aciman vermag es sehr gekonnt, Stimmungen zu erzeugen. Den trockenen, heißen Sommer beschreibt er so plastisch, dass man die Hitze fast zu spüren scheint. Die Situation, wenn das „normale Leben“ eine Pause einlegt, wenn man stärker als gewohnt auf sich selbst zurückgeworfen ist, wenn die Welt sich langsamer zu drehen scheint, spürt man deutlich. Das alles ist stark und melancholisch erzählt und erzeugt einen starken Sog, so dass es mehr nicht braucht. Dabei ist die Sichtweise auf das Geschehen recht konzentriert und fokussiert: Der Leser erfährt Vieles nicht, gerade den Erzähler betreffend, so dass die Geschichte immer auch wie ein bloßer Ausschnitt aus einem Leben wirkt, das Fehlende immer mitschwingt.

Beide Männer sind keine zweifelsfreien Sympathieträger und der Ich-Erzähler beschönigt sein zuweilen feiges Verhalten nicht. Er erklärt – nachvollziehbar – aber entschuldigt sich nicht.

Und da kündigt sich dann auch an – schon ganz zu Beginn des Romans – dass der besagte Sommer ein Ausnahmezustand ist, dass er vorübergehen wird und dass das, was ihn ausgemacht hat, nicht hinüber zu retten sein wird in den Herbst und ins normale Leben. Es kann nicht anders sein. So bleibt auch beim Leser ein Gefühl der Melancholie zurück, wenn er das Buch dann zuklappt, eine Ahnung der Heimatlosigkeit, die Kalasch und den Erzähler zusammengebracht hat.

 BuchDetails

  • Aktuelle Ausgabe: März 2014
  • Verlag: Kein & Aber
  • ISBN: 978-3-0369-5687-9
  • Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
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