Sex aus Mitleid wegen Einsamkeit

SexEinsamkeitErsteinmal die schlechte Nachricht.

Dieses Buch ist definitv nicht das witzigste deutsche Buch des Jahres, Nein, diese Aussage ist, abgesehen davon, dass Klappentextaussagen meist irrwitzig, medial und werbemäßig aufgehübscht sind, völliger Unsinn.
Kraussers Buch ist ein abgehacktes, sprunghaftes Buch welches verschiedene oberflächliche Charaktere in verschiedenen oberflächlichen Situationen zeigt.

Jetzt die gute Nachricht.

Das Buch ist definitiv die traurigste und ehrlichste Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft, die es auf dem Markt gibt.
Und ja, alles was es an schlechten Nachrichten gibt, das hat der Autor auch genauso gewollt.
Bis ich dahinter kam hat es etwas gedauert.
Geradezu perfide versteckt Krausser seine Botschaften in der Oberfläche seiner Charaktere.
Was sind das für Personen, die da in ihren Situationen dahin treiben und sich einen Kehrricht um Andere scheren.
Ihnen geht es nur darum, wie sie gesehen werden, Macht über andere zu erlangen und dabei ist ihnen jedes Mittel recht.
Sex gehört auch dazu. Nie war Sex so als Ware verkommen wie in der heutigen Zeit.
Liebe gehört nicht dazu.

Da ist der Türke der einem Mädchen 100 Euro fürs Lecken bietet.
Diese findet es toll, nicht weil sie ihn liebt, nein sie erregt es, dass jemand sie gut findet.
Sie, die durchschnittlich aussieht und ansonsten in einer öden Wohnung, mit einer öden kleinen Schwester und öden Eltern wohnt.
Dabei ist es eigentlich egal ob Berlin oder anderswo, der Ort bleibt neutral, ist austauschbar.
„‚Kann ich Dich sprechen?‘ Swentja hatte ihn bereits, ohne irgendeinen gefühlten Verlust zu verbuchen, aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Andererseits gefiel ihr das Buch, in dem sie gerade las, nicht besonders. Was willst Du?“
Gerade solche Nadelstiche die Krausser verteilt zeigen die Ziel- und Gefühllosigkeit der Charaktere.

Da ist die erfolgreiche Managerin, die sich von ihrem Mann trennt, er ist zwar gut im Bett, aber nicht ’standesgemäß‘.
Lieber vertreibt sie sich die Zeit mit Escortmännern – aber ihre Choreographie muss genau eingehalten werden.
Wenn das mal nicht so ist, sie an jemanden kommt mit Prinzipien, fühlt sie sich zu ihm hingezogen.
Nicht wegen seiner Person – wegen seines Widerstandes.
„Sie preßte sich an ihn und küßte seine Wangen. Er stand da, wie eine Säule, regungslos, ließ alles, sozusagen, an sich abtropfen. So standen sie eine ganze Weile nebeneinander. Und es gab keine Lösung.“

Lösungen gibt es nicht im Buch, wie auch nicht im wirklichen Leben.
Die Gesellschaft ist erstarrt, eingefroren in ihrer Lieblosigkeit.
Selbst die Punks sind ratlos, die die ausserhalb des Spießertums leben wollen, sind die größten Spießer.
Ihre Suche nach Nähe und Geborgenheit nimmt die bourgeoisen Riten (Hochzeit) an und scheitert demnach auch.
Liebe ist nur ein Gefasel von gefühlsdusseligen, hirnlosen, ja religiösen Menschen die die gerade eine Vision haben und werden nicht ganz ernst genommen.
Oder aber sie wird eingesetzt um Sex zu bekommen, aber so richtig ernst nimmt die Liebe niemand.

Eigentlich müsste das Buch „Sex aus Mitleid wegen Einsamkeit“ heißen und zeigt deutlich wie weit unsere Entfremdung schon gegangen ist.
Ein gemeines, schmerzhaftes und böses – aber nicht witziges Buch!

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 18.02.2011
  • Verlag : Dumont
  • ISBN: 97838321614391
  • Flexibler Einband: 224 Seiten
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Ein Gedanke zu “Sex aus Mitleid wegen Einsamkeit

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