Kopfschmerzen statt Kopfkino

LiebeSteineIch hätte es eigentlich wissen müssen – hätte ich.
„Experimentelle Sprache“ „Packend“ „Poetisch
Überhaupt poetisch! Wenn es ein „In“- Wort gibt dann dieses.
Was sagt mir Wiki?

„Der Begriff bezeichnet im übertragenen Sinn ferner eine bestimmte Qualität. So spricht man etwa von der „Poesie eines Moments“ oder einem „poetischen Film“ und meint damit in der Regel, dass von dem Bezeichneten eine sich der Sprache entziehende, oder über sie hinausgehende Wirkung ausgeht, etwas Stilles, ähnlich wie von einem Gedicht, das eine sich der Alltagssprache entziehende Wirkung entfaltet.“

Also wenn das so ist, dann ist der – hochprämierte – Roman „Liebe, Steine Scherben“ von Jelle Behnert alles, aber dieses nicht.
Wir sind im Jahre 1977 und erzählt wird die Geschichte von Johann und Tilda, Tilda und Johann.
Beide um die 13 und eigentlich gehören sie ja zusammen.
Wenn da nicht Hasenscharten-Sebastian wäre, der sich dazwischendrängt.
Dann geht der Rollladen herunter und „sssssssssseeeeexxxxxx“.
So denkt sich das Johann – ist aber nicht so.
Dazwischen sind Einschübe von den damaligen RAF-Terrortaten, wahllos ohne Zusammenhang, eingebracht.
Oder ein etwas künstlicher Halt wie: Johann klaut das Terroristen-Poster aus einer Polizeistation, Tilda ist in Baader verliebt.
Aber so richtig passt das alles nicht zusammen.

Und die Liebesgeschichte?
Voller pubertärer Phantasien die Jelle Behnert so irgendwie „experimentell“ zusammenmixt.
Was das experimentelle ist, habe ich leider nicht feststellen können.
Die Sprache des Buches ist grässlich, sich wirr durch die Geschichte mäandernd, voller Ausrufezeichen, unpoetisch, im Telegrammstil und der Geschichte (wenn denn mal eine da ist) vollkommen abträglich.
Die wilden Gewalt-Sex-Phantasien von Johann sollen wohl das Aufwachsen beschreiben.

Dabei passieren der Autorin als Frau, die im Ich-Erzähler Johann ‚lebt‘, auch handwerkliche Fehler.
Einerseits ist es schwierig die erst 13-jährige Perspektive des Jungen, der Autorin abzunehmen, auch beschreibt sie z.B. den Zustand der Phimose vollkommen falsch:
„Meine Vorhaut nimmt meine Eichel dauernd in den Schwitzkasten“
Als Mann und Leidensgenosse weiß ich wovon ich spreche, bei einer Phimose ist die Eichel von der Vorhaut umschlossen, aber nicht als – schmerzender – Schwitzkasten.
Weiterhin bekommt der Junge nach der erfolgten Operation (auf die gar nicht eingegangen wird) seine Vorhaut mit, auf die Tilda dann herumtrampelt.
Schwarze Magie, schaurige Atmosphäre? Pustekuchen, wieder ein Mix der überhaupt nicht passt und fehl am Platze wirkt.

„Wir haben schwarze Magie gespielt[…]. Aber das ist kein Spiel. Das ist etwas wirklich Böses. Du merkst nicht, wie es kommt und dich holt. Das Böse. Wir spielen was. Wir tun was. Es tut was mit uns. Nicht wir spielen das Spiel. Das Spiel spielt mit uns.“

Die vielen Sprünge und Wendungen, verquickt mit den unauthentischen Figuren und der gewollten Sprache, erschaffen eine künstliche, überambitiöse Atmosphäre, die mich dann wirklich schaudern lassen.
Nach knapp 170 Seiten voller Wust, Wut und Unerquicklichem habe ich das Buch erleichtert verlassen.
Schade, gehofft hatte ich auf eine poetische, experimentelle Sprache und eine Liebesgeschichte die geschickt die politischen Elemente in Deutschland mit einbindet.
So habe ich das irgendwo gelesen.
Gelesen habe ich einen pappigen Quark aus vielen falsch gemengten Zutaten, gewürzt mit einer rohen, rauen unerträglichen Sprache.
Knapp an den 0 Sternen vorbei.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 09.09.2013
  • Verlag : Blumenbar
  • ISBN: 9783351050061
  • Flexibler Einband: 256 Seiten
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